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Humboldt-Universität zu Berlin - Philosophische Anthropologie

Humboldt-Universität zu Berlin | Institut für Philosophie | Philosophische Anthropologie | Lehre | Kommentiertes Verzeichnis der Lehrveranstaltungen

Kommentiertes Verzeichnis der Lehrveranstaltungen

Sommersemester 2010
VL Willensfreiheit und Handlungsfreiheit/Freedom of Action and Freedom of Will (b, d, LA/S1, S2)

Geert Keil

Veranst.Nr. 51 004

UL 6, 1070; ab Mi., 21.04.2010, wöch. 16-18 Uhr

 

Handlungsfreiheit besitzt man, wenn man seine Absichten ungehindert in die Tat umsetzen kann. Was Willensfreiheit ist, ist ungleich umstrittener. Nach Hobbes, Locke und Schopenhauer ist die Frage, ob der menschliche Wille frei sei, unsinnig. Der Wille sei eine Fähigkeit, und Fähigkeiten könnten nicht frei oder unfrei sein, dies könne nur der Mensch. Auch in der Vorlesung wird die Aussage, dass der Wille frei sei, als eine – nicht ganz glücklich formulierte – anthropologische Behauptung über menschliche Fähigkeiten aufgefasst. Entsprechend läuft die Leugnung der Willensfreiheit auf die Behauptung hinaus, dass Menschen bestimmte Fähigkeiten, die sie zu besitzen glauben, tatsächlich nicht besitzen. In der jüngeren Debatte in der analytischen Philosophie, die auf das Problem der Vereinbarkeit von Freiheit und Determinismus fixiert war, ist die anthropologische Dimension des Freiheitsproblems etwas aus dem Blick geraten. – Die Vorlesung ist systematisch angelegt, führt aber auch in die freiheitstheoretischen Auffassungen von Aristoteles, den Stoikern, Boëthius, Augustinus, Descartes, Hobbes, Locke, Hume, Kant und Schopenhauer ein.

Literatur: Geert Keil, Willensfreiheit, Berlin/New York (de Gryuter) 2007.

Gottfried Seebass, Handlung und Freiheit, Tübingen (Mohr Siebeck) 2006.

Robert Kane (ed.), The Oxford Handbook of Free Will, Oxford (OUP) 2002.

 

 

PS Erklären und Verstehen/Explanation and Understanding (b, d, LA/S1, S2, S3)

Geert Keil

Veranst.Nr. 51 023

UL 6, 3086; ab Do., 15.04.2010, wöch. 14-16 Uhr

 

Wilhelm Dilthey schrieb 1894: „Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir.“ Mit dem Begriffspaar Erklären vs. Verstehen verbindet sich seit dem späten 19. Jahrhundert die Frage, ob es einen grundsätzlichen methodologischen Unterschied zwischen Geistes- und Naturwissenschaften gibt. Ein solcher Unterschied ist auch mithilfe anderer Antithesen behauptet worden: Der Neukantianer Windelband unterschied nomothetisch von idiographisch verfahrenden Wissenschaften, in der analytischen Handlungstheorie wird zwischen Handlungserklärungen durch Gründe und solchen durch Ursachen unterschieden. Handlungserklärungen sind ein guter Testfall, denn die Frage, warum jemand etwas getan hat, wird auch in der Geschichtswissenschaft, der Psychologie und in den Sozialwissenschaften gestellt, also in Disziplinen, die in der holzschnittartigen Gegenüberstellung von Natur- und Geisteswissenschaften schwer zu verorten sind. In der Gründe/Ursachen-Debatte vertraten die Wittgensteinianer die Auffassung, dass Handlungserklärungen durch vernünftige Gründe eine eigenständige Erklärungsform sind, die in den Naturwissenschaften kein Vorbild hat. Die von Hempel und Churchland vertretene Gegenposition besagte, dass Handlungen auf dieselbe Art erklärt werden wie gewöhnliche Naturereignisse, nämlich durch Gesetze und Anfangsbedingungen.

Der Streit über die methodologische Eigenständigkeit der Geistes- und Kulturwissenschaften ist so alt wie diese Wissenschaften selbst, und seit Neurowissenschaftler begonnen haben, die Erklärungshoheit für menschliches Verhalten zu reklamieren, ist er in eine neue Runde gegangen. Einen ersten Überblick über die Erklären/Verstehen-Kontroverse verschafft:

Literatur: Georg Henrik von Wright, Erklären und Verstehen (1971), Hamburg (EVA) 2008.

 

 

HS Semantische Vagheit/Semantic Vagueness (b, d)

Geert Keil

Veranst.Nr. 51 065

UL 6, 3103; ab Do., 15.04.2010, wöch. 12-14 Uhr

 

Vagheit ist eine semantische Eigenschaft sprachlicher Ausdrücke. Vage Ausdrücke ziehen keine scharfe Grenze zwischen den Gegenständen, auf die sie zutreffen, und denen, auf die sie nicht zutreffen. Sie lassen Grenzfälle zu. Mit vagen Ausdrücken lassen sich Fehlschlüsse und Paradoxien konstruieren. Ein seit der Antike diskutiertes Beispiel ist das Prädikat „Haufen“. Im sogenannten Sorites-Argument wird angenommen, dass beispielsweise 10.000 Sandkörner in der richtigen Anordnung unstrittig ein Haufen sind. Durch die wiederholte Anwendung der Schlussregel „Wenn n Körner ein Haufen sind, sind auch n – 1 Körner ein Haufen“ wird darauf geschlossen, dass auch ein einziges Korn ein Haufen sei. Die Konklusion ist unwahr, wo also steckt der Fehler?

Viele, wenn nicht alle Prädikate der natürlichen Sprache sind in unterschiedlichem Ausmaß vage. Mit dem Haufen-Schluss lässt sich „beweisen“, dass ein roter Gegenstand zugleich gelb ist oder dass ein Mensch zugleich kahlköpfig ist und volles Haar hat. Eine in jüngerer Zeit kontrovers diskutierte Frage ist, ob das Vagheitsproblem allein sprachlicher oder auch ontologischer Natur ist. Sind vielleicht die Grenzen vieler Dinge selbst unscharf? Aber was soll das genau heißen? Eine wichtige Anwendung des Vagheitsproblems ist das Recht. Die Rechtssprechung hat es täglich mit dem Problem zu tun, individuelle Tatbestände daraufhin zu überprüfen, ob sie noch unter den Gesetzestext fallen. In der Rechtswissenschaft bildet semantische Vagheit unter dem Titel der „Unbestimmtheit des Rechts“ eines der zentralen Methodenprobleme.

Sprachphilosophische Vorkenntnisse sind erwünscht.

Um Voranmeldung unter geert.keil@rwth-aachen.de wird gebeten.

Literatur: Rosanna Keefe and Peter Smith (eds.), Vagueness. A Reader, Cambridge, Mass. (MIT Press) 1996.

Delia Graff and Timothy Williamson (eds.), Vagueness, Aldershot (Ashgate) 2002.

Sven Walter (Hrsg.), Vagheit, Paderborn (Mentis) 2005.

 

 

PS Natur oder Kultur?/Nature or Nurture? (b, d, LA/S2)

Philipp Hübl

Veranst.Nr. 51 044

UL 6, 2014 B; ab Fr., 16.04.2010, wöch. 12-14 Uhr

 

Wir alle sprechen eine Sprache, haben ein reichhaltiges Gefühlsleben, mehr oder minder feste moralische Standards und sexuelle Vorlieben sowie ein autobiographisches Gedächtnis. Wir mögen die Gesellschaft anderer, können verstehen, was in ihren Köpfen vor sich geht, haben einen Sinn für Schönheit, hören gerne Musik und kennen den Unterschied zwischen Zufall und Verursachung.

All diese Fähigkeiten, Eigenschaften und Neigungen haben wir über die Jahre erworben. Doch wie viel hat unsere biologische Natur dazu beigetragen und wie viel die Gesellschaft oder Kultur, in der wir aufgewachsen sind? Die eine Extremposition sagt: Alles ist Kultur. Wir kommen auf die Welt als Tabula rasa, als unbeschriebenes Blatt, auf dem erst die Umwelt durch einen Mechanismus der Wiederholung und Verstärkung ihre Spuren hinterlässt. Die andere Extremposition sagt: Alles ist Natur. Das Blatt ist schon vorgeprägt, so dass die Spuren nirgendwo anders hätten auftauchen können.

Historisch kann man die Kulturfreunde dem Empirismus und die Naturfreunde dem Rationalismus zuordnen. Die moderne Debatte ist von der empirischen Forschung in der Kulturanthropologie, der Evolutionspsychologie und der Genetik bestimmt. Hier geht es um die genaue Bestimmung, wie viel angeboren und wie viel erlernt ist. Die Nativisten gehen von einer starken Voreinstellung aus, die Anti-Nativisten von einer schwachen.

Im Seminar steigen wir in diese Diskussion beispielhaft anhand von vier Themenbereichen ein: Gefühle, Sprache, Attraktivität und Kooperation. Wir lesen unter anderem Texte von Chomsky, Dawkins, Dennett, Fodor, M. Mead, Oksenberg-Rorty, Pinker, J. Prinz und Tomasello.

 

 

HS Bewusstsein und Aufmerksamkeit/Consciousness and Attention (b, d, LA/S1, S2)

Philipp Hübl

Veranst.Nr. 51 066

DOR 24, 1.406; ab Mo., 19.04.2010, wöch. 10-12 Uhr

 

Ein einfaches Experiment: Versuchspersonen sollen in einem Film, in dem sich junge Leute gegenseitig einen Basketball zuspielen, zählen, wie oft der Ball hin- und herfliegt. Niemandem fällt dabei etwas Besonderes auf. Umso größer das Erstaunen beim erneuten Abspielen: Ein Mann in einem Gorillakostüm läuft mitten durchs Bild, bleibt stehen, schaut in die Kamera, trommelt sich auf die Brust, und verschwindet wieder. Wie konnte man den bloß übersehen?

Um diese Frage zu beantworten, muss man eine Theorie des Bewusstseins haben. Im Seminar diskutieren wir die einschlägigen zeitgenössischen Ansätze, unter anderem Theorien des globalen Arbeitsspeichers, repräsentationale Theorien der höherstufigen Gedanken sowie biologische und neurofunktionale Theorien. Der Zusammenhang zwischen Bewusstsein und Aufmerksamkeit steht dabei im Mittelpunkt. Einem Ansatz zufolge ist Bewusstsein notwendig für Aufmerksamkeit; bei einem anderen ist es genau umgekehrt. Einige Theoretiker argumentieren dafür, dass Bewusstsein und Aufmerksamkeit ganz unabhängig voneinander auftreten können; andere, dass sie nur zwei Aspekte desselben Phänomens sind.

Im Seminar werden wir neben philosophischen Texten auch empirische Forschung aus der Psychologie und der Neurowissenschaft diskutieren. Wir lesen unter anderem Baars, Block, Chalmers, Crick/Koch, Dretske, Levine, Lycan, J. Prinz, Rosenthal und Searle.