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Humboldt-Universität zu Berlin - Philosophische Anthropologie

Humboldt-Universität zu Berlin | Institut für Philosophie | Philosophische Anthropologie | Lehre | Kommentiertes Verzeichnis der Lehrveranstaltungen im Wintersemester 2011/12

Kommentiertes Verzeichnis der Lehrveranstaltungen im Wintersemester 2011/12

 

 VL Die Natur des Menschen/On Human Nature (b, c, d, LA/S1, S2)

Achim Lohmar

Veranst.Nr. 51 012<

UL 6, 3038/35; ab Do., 20.10.2011, wöch. 10-12 Uhr

 

Jeremy Benthams Principles of Morals and Legislation beginnen mit den Worten: „Nature has placed mankind under the governance of two sovereign masters, pain and pleasure. It is for them alone to point out what we ought to do as well as to determine what we shall do“. Wie Bentham berufen sich viele Philosophen auf Theorien der menschlichen Natur, wenn sie über die Legitimität und Notwendigkeit politischer Herrschaft, über die Bedeutung der Kultur, über die Quellen menschlicher Erkenntnis oder die Prinzipien der Moral nachdenken. Argumente aus der menschlichen Natur spielen auch gegenwärtig eine wichtige Rolle in Kontexten wie Human Enhancement, Tierethik und der Theorie praktischer Rationalität.
In dieser Vorlesung sollen wichtige Theorien der menschlichen Natur vorgestellt und diskutiert werden, es soll aber auch der Begriff der Natur des Menschen selbst thematisiert werden. Denn um über die Natur des Menschen nachdenken zu können, müssen wir Klarheit über den Gehalt dieses Begriffs haben. Wir müssen z. B. wissen, worauf wir uns festlegen, wenn wir so etwas behaupten wie: Menschen sind von Natur aus egoistisch (altruistisch). Was heißt es also überhaupt, von einer Eigenschaft zu sagen, sie gehöre zur Natur des Menschen? Und lässt sich die Konzeption der Natur des Menschen überhaupt aufrecht erhalten? Oder gehört sie einer durch die darwinistische Evolutionstheorie überholten Biologie an, die auf der Idee der Speziesnatur basierte? Oder ist es eher so, wie existentialistische Denker meinten, dass uns Menschen gerade auszeichnet, dass wir gar keine Natur (d.h. kein Wesen) haben? Schließlich sollen in der Vorlesung auch einige interessante Kontexte beleuchtet werden, in denen Bezugnahmen auf die menschliche Natur eine wichtige argumentative Rolle spielen.

 

 

PS Grundfragen der Rechtsphilosophie/Fundamental Issues in the Philosophy of Law (c, d, LA/S1, S2)

Achim Lohmar

Veranst.Nr. 51 045

DOR 24, 1.406; ab Mi., 19.10.2011, wöch. 16-18 Uhr

 

Die fundamentale Debatte in der Rechtsphilosophie ist die zwischen sogenannten Rechtspositivisten und Naturrechtstheoretikern. Die Debatte dreht sich vor allem um die Frage nach der Beziehung zwischen Recht und Moral. Rechtspositivisten vertreten die sogenannte Trennungsthese und behaupten, dass auch ganz und gar unmoralische Gesetze gültiges (geltendes) Recht sein können, während Naturrechtstheoretiker eben das bestreiten und an dem alten Gedanken „lex iniusta non est lex“ (ein ungerechtes Gesetz ist gar kein Gesetz) festhalten.
Im Seminar werden wir zentrale Texte dieser Debatte lesen. Dazu gehören H.L.A. Harts Klassiker The Concept of Law wie auch Gustav Radbruchs wirkungsmächtiger Aufsatz „Gesetzliches Unrecht und übergesetzliches Recht“.
Die genaue Lektüreliste und -abfolge werde ich in der ersten Sitzung bekannt geben.

 

 

HS Evolution und Moral/Evolution and Morality (b, c, d, LA/S1, S2)

Achim Lohmar

Veranst.Nr. 51 0992

UL 6, 2014A; ab Fr., 21.10.2011, wöch. 10-12 Uhr

 

Warum denken wir überhaupt moralisch, d.h. in moralischen Begriffen? Ist der moralische Sinn ein angeborenes Merkmal der menschlichen Natur oder eher eine die menschliche Natur überformende kulturell induzierte Sensibilität? Stehen wir, auch als moralische Wesen, in einer Kontinuität mit unseren biologisch nächsten Verwandten? Oder ist der moralische Sinn, wie Darwin meinte, das Charakteristikum, durch das wir uns von allen anderen Arten unterscheiden? Dass wir von Natur aus moralische Wesen sind (dass unser moralischer Sinn eine Adaption ist), ist eine Auffassung, die von vielen evolutionären Psychologen vertreten wird. Was das für die 'Gültigkeit' der Moral bedeutet, ist jedoch sehr umstritten: Spricht unsere beste Erklärung für das Phänomen des moralischen Denkens für die Objektivität der Moral oder unterstützt sie eher eine Form des moralischem Skeptizismus. Während viele in der Entdeckung, dass das moralische Denken in der menschlichen Natur verankert ist, eine Stütze für eine realistische Auffassung sehen, argumentieren Philosophen wie Richard Joyce, dass die biologische Erklärung des moralischen Sinns stark für einen moralischen Skeptizismus spricht.
Die genaue Lektüreliste und -abfolge werde ich in der ersten Sitzung bekannt geben.

 

 

CO Philosophisches Kolloquium/Philosophical Colloquium

Achim Lohmar, Geert Keil

Veranst.Nr. 51 0993

I 110, 241; ab Do., 20.10.2011, wöch. 14-17 Uhr

 

Das Kolloquium wendet sich an fortgeschrittene Studierende, Examinanden und Doktoranden. Es soll der gemeinsamen Lektüre aktueller Forschungsliteratur dienen und bietet ein Forum für die Diskussion im Entstehen begriffener eigener Arbeiten. Geplant ist ein inhaltlicher Schwerpunkt "Tod und Sterblichkeit". Auf Wünsche der Teilnehmer/innen wird eingegangen.
Die Teilnahme ist nur nach Rücksprache vor Semesterbeginn oder auf persönliche Einladung hin möglich. Um eine Voranmeldung wird gebeten (achim.lohmar@uni-koeln.de; geert.keil@hu-berlin.de).

 

 

PS Kulturelle Identitäten/Cultural Identities (b, c, d, LA/S2)

Rico Hauswald

Veranst.Nr. 51 023

SO 22, 4.11; ab Mo., 24.10.2011, wöch. 16-18 Uhr

 

Kulturelle (soziale, kollektive usw.) Identitäten stellen einen in den jüngeren Kulturwissenschaften prominenten Untersuchungsgegenstand dar. So werden etwa nationale, ethnische, sexuelle, religiöse oder Rassen-Identitäten und ihre jeweilige historische Genese diskutiert. Doch was eigentlich kulturelle Identitäten genau sind, ist häufig unklar. Das Seminar widmet sich dieser Frage nach den begrifflichen Grundlagen des Konzepts der kulturellen Identität. Dabei muss u.a. dieser Begriff von anderen Identitätskonzepten unterschieden und die Bezüge zwischen diesen klargemacht werden, wobei etwa an numerische oder qualitative Identität im logisch/ontologischen Sinn zu denken ist, an personale Identität im metaphysischen Sinn oder an das "Identitätsbewusstsein", dessen Herausbildung und dessen Störungen in Psychologie und Psychopathologie thematisiert wird. Darüber hinaus wird zu fragen sein, wie das einer kulturellen Identität entsprechende Bewusstsein im Selbst eines Individuums verankert ist und welche Selbstkonzepte (z.B. minimales Kern-Selbst vs. autobiographisch-narratives Selbst) dabei zu berücksichtigen sind. Schließlich stehen sozialontologische Bezüge zur Konstitution von sozialen Kollektiven und Fragen zu ethischen Aspekten und zur "Identitätspolitik" auf der Agenda des Seminars.
Literatur: Es sollen Texte gelesen werden u.a. von Ian Hacking, Anthony Appiah, Daniel Dennett, Sydney Shoemaker, Charles Taylor, Akeel Bilgrami und Linda Alcoff.

 

 

PS Traumtheorien/Theories of Dreams (b, LA/S2)

 

Philipp Hübl

Veranst.Nr. 51 025

SO 22, 4.11; ab Di., 18.10.2011, wöch. 12-14 Uhr

 

Wir träumen oft, zu fliegen oder mit anderen zu kämpfen. Und manchmal können wir uns danach nicht gegen den Impuls wehren, unsere Träume mit Freud zu deuten: Irgendwie haben sie etwas mit verdrängten Wünschen im Unbewussten zu tun, und irgendwie geht es fast immer um Sex.
Für weite Teile der modernen Traumforschung ist das jedoch Unsinn: Freud war in seinen Untersuchungen kaum wissenschaftlicher als antike Vogelschauer. Träume haben selten etwas mit verborgenen Wünschen zu tun. In unserem Geist gibt es keine Instanz, die dem „Unbewussten“ auch nur entfernt ähnelt. Im Gegenteil: Wir erleben Träume im Bewusstsein. Einzig unsere aktive Kontrolle ist eingeschränkt: Wir sind unseren Träumen so passiv ausgesetzt wie Gefühlen oder Sinneseindrücken im Wachzustand.
Allan Hobson, einer der führenden Forscher, hält Träume für psychotische Halluzinationen, die dem Drogendelirium oder Fieberwahn ähneln. Typische Motive wie Fliegen, Fallen oder Lähmung deutet er als Körpertäuschungen. Doch welche Funktion haben Träume dann in unserem Leben und welche hatten sie in der Evolution?
Vorschläge zur Funktion umfassen unter anderem: Wunschkontrolle, Datenlöschung, zufällige Interpretation, Gedächtnisverbesserung. Selbst wenn Träume Zufallsprodukt der Evolution sind, wie einige Forscher annehmen, verraten sie dennoch viel über die Architektur unseres Gedächtnisses und die Dynamik unseres Bewusstseins.
Literatur:Im Seminar diskutieren wir klassische und moderne Traumtheorien. Wir lesen unter anderem Texte von Grünbaum, Flanagan, Freud, Hobson, LaBerge, Llinás, McGinn, Mitchison/Crick, Solms, Sosa.

 

 

 HS Essentialismus/Essentialism (b, LA/S2)

 

Philipp Hübl

Veranst.Nr. 51 058

SO 22, 4.11; ab Mi., 19.10.2011, wöch. 12-14 Uhr

 

Wir halten sowohl weiße als auch schwarze Pudel für Hunde. Bei einem Hund scheint die Farbe des Fells nicht wesentlich zu sein. Man kann seinen Pudel auch rosa färben. Damit nimmt man dem Pudel nicht seinen Kern.
Seit Aristoteles unterscheidet man in der Begriffsbildung zwischen essentiellen (wesentlichen, notwendigen) und akzidentellen (unwesentlichen, kontingenten) Eigenschaften. Essentialisten nehmen an, dass die Natur zumindest einige Kategorien schon vorgibt. Ein guter Philosoph müsse sie daher an ihren „Gelenken“ zerlegen, wie Sokrates sagt.
Essentialisten berufen sich typischerweise auf die Existenz natürlicher Arten, Kategorien unabhängig von unserer Begriffsbildung. Kripkes einflussreiches Argument lautet in etwa so: Wenn wir einmal H2O-Moleküle als „Wasser“ benannt haben, kann nichts mehr Wasser sein, dass nicht dieselbe Molekülstruktur hat. „Wasser ist H2O“ ist eine notwendige Wahrheit, selbst wenn wir sie erst empirisch herausfinden müssen.
In der Physik sind essentialistische Intuitionen naheliegend, doch in der Biologie und Psychologie ist die Lage schon schwieriger. Hunde haben zwar dasselbe Genom, sind aber, wie alle Lebewesen, kontinuierlich aus Einzellern entstanden. Gibt es dann überhaupt natürliche Arten in der Biologie? Und haben auch Menschen eine Essenz? Oder vielleicht sogar unsere mentalen Zustände und Fähigkeiten wie Begriffe, Gefühle oder unser Sprachmodul?
Literatur:Im Seminar lesen wir klassische und moderne Texte von Essentialisten und deren Kritikern, unter anderem von Aristoteles, Ellis, Kripke, Lowe, Mackie, Putnam, Quine, Salmon.

 

 

PS Über Gehalt und Reichweite des Semantischen Externalismus/Content and Scope of Semantic Externalism (b, d, LA/S1, S2)

 

Matthias Kiesselbach

Veranst.Nr. 51 028

SO 22, 4.11; ab Fr., 21.10.2011, wöch. 10-12 Uhr

 

Jemand, der das Wort “Wasser” benutzt, bezieht sich üblicherweise auf die Substanz, die aus H2O-Molekülen besteht. Er tut es auch dann, wenn er davon keine Ahnung hat. Ja, er tut es selbst dann, wenn er davon keine Ahnung haben kann, weil er (sagen wir) im 17. Jahrhundert lebt, lange vor der Verfügbarkeit von Wissen über Wasserstoff und Sauerstoff und ihre chemische Verbindung. Und doch scheint der Bezug auf H2O zur Bedeutung des Wortes (bzw. des Wort-Tokens) zu gehören. Diese These scheint sich generalisieren zu lassen: Bei vielen unserer Wörter – Namen etwa, und Wörter für natürliche Arten – scheint die Bedeutung etwas zu sein, das uns, wenn überhaupt, a posteriori bekannt ist. Man könnte sagen: Die Bedeutung unterliegt nicht unserer Kontrolle.
Diese zunächst erstaunliche, aber unter Philosophen heute weit verbreitete, These soll im Seminar diskutiert werden. Wie genau ist die These zu verstehen? Ist sie wirklich wahr? Wie viele Anteile unserer Sprache betrifft sie? In welchen Sprachverwendungskontexten spielt sie eine praktische Rolle? Was folgt aus ihr in Sprachphilosophie, Metaphysik und der Philosophie des Geistes?
Literatur: Wir lesen klassische Texte zum semantischen Externalismus (Putnam, Kripke, Donnellan), aber betrachten auch die aktuelle Literatur. Als Einführung mag Hilary Putnams “The Meaning of 'Meaning'”, in seinen Philosophical Papers, Vol. II, 1975, dienen.

 

 

HS Mentale Verursachung/Mental Causation (b, d, LA/S1, S2)

Thomas Krödel, Beate Krickel

Veranst.Nr. 51 062

SO 22, 4.11; ab Di., 18.10.2011, wöch. 16-18 Uhr

 

Der Hunger treibt uns in die Mensa, Angst lässt uns zittern und ein plötzlicher Schmerz zusammenzucken. Auf Anhieb scheint es unproblematisch zu sein, dass geistige Ereignisse wie Schmerzen, Hunger oder Angst physikalische Ereignisse wie Körperbewegungen verursachen. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch folgendes Problem: Alle physikalischen Ereignisse haben bereits physikalische Ursachen, was auszuschließen scheint, dass sie zusätzlich geistige Ursachen haben. Im Seminar wollen wir diesem Problem anhand von Texte aus der zeitgenössischen englischsprachigen Philosophie nachgehen. Dabei werden wir uns auch mit der Frage beschäftigen, inwieweit neueste Theorien der Kausalität mentale Verursachung erklären können.