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Prof. Dr. Oswald Schwemmer gestorben

Prof. em. Dr. Oswald Schwemmer



Das Institut für Philosophie trauert um seinen Emeritus Oswald Schwemmer, der am 1. März 2026 nach langer Krankheit im Alter vom 84 Jahren verstorben ist. Für das Verfassen des Nachrufs bedankt sich das Institut bei Sybille Krämer, Rolf Lachmann und Norbert Meuter.

 

Nachruf


Oswald Schwemmer, geb. 1941, promovierte 1970 bei Paul Lorenzen in Erlangen und wurde 1975 ebenfalls in Erlangen habilitiert. Nachdem er Pro­fessuren in Marburg (1982-1987) und Düsseldorf (1987-1993) bekleidet hatte, wechselte er 1993 an die Humboldt-Universität. Die Denomination seines im Zuge des Neuaufbaus des Instituts eingerichteten Lehrstuhls füllte mehrere Zeilen: „Philosophie unter besonderer Berücksichtigung der philo­sophischen Anthropologie und der Kulturphilosophie einschließlich der Wissenschaftstheorie der Kulturwissenschaften“. Diese Professur hatte er bis zu seiner Emeritierung 2009 inne. Zwischen 2002 und 2006 diente Schwemmer der Philosophischen Fakultät als Dekan. Von 2009 bis 2011 übernahm er eine Seniorprofessur, auf der er seine Edition der nachgelas­senen Schriften Ernst Cassirers fortführte.

Am Institut nannte man die sperrig denominierte Professur knapp „die Anthropologie-Professur“. Oswald Schwemmer rückte die philosophische Anthropologie, die seit der Nachkriegszeit in Deutsch­land ein Schattendasein führte, in ein neues Licht: Wenn die Philosophie als eine Theorie symbolischer Praxis (Philosophie der Praxis, 1980) verstanden wird, lässt sich die Anthropologie mit der Philosophie des Geistes, der Erkenntnistheorie und der Kultur- und Medienphilosophie verknüpfen.

Es gehört zur philosophischen Physiognomie Schwemmers, auseinander liegende Abteilungen des Philosophierens zusammen zu denken, dogmatische Verfestigungen aufzulösen und insbesondere traditionelle Dichotomien in neuartige Impulse für das Philosophieren zu überführen. So kritisierte er in Die Philosophie und die Wissenschaften (1990) die scharfe Abgrenzung beider und verarbeitete in seinen philosophischen Überlegungen so konsequent wie kontinuierlich die Resultate der Einzelwissenschaf­ten. So nahm er Abstand von einer monolithischen Wissenschaftstheorie der Kultur- und Geisteswis­senschaften und konzipierte diese stattdessen als eine Form von Wissenschaftstheorie, die im Dialog mit der Vielfalt ihrer Ansätze steht: Wissenschaften seien von ihrem Gegenstand her zu denken, nicht von abgrenzenden Methodenfragen her wie etwa der zwischen quantitativen und qualitativen Metho­den (Theorie der rationalen Erklärung. Zu den methodischen Grundlagen der Kulturwissenschaften, 1976). So konnte er für den Bereich der Kultur zeigen, wie Handlung und Struktur (1987) zusammen­wirken, weil gerade in der Sprache die Prägung durch das Vorfindliche und dessen kreative Umgestal­tung im individuellen Ausdruck verflochten sind. Er verband Welteinbindung und Selbstgestaltung in einer Gregory Bateson aufnehmenden Ökologie des Geistes, bei der sozial-symbolische Formung und individuell-schöpferische Gestaltungskraft ineinandergreifen (Kulturphilosophie. Eine medientheoreti­sche Grundlegung, 2005). Das Fremde so umzuwandeln, dass es zu einem Impuls für das Eigene wird, wird zu Leitbild und theoretischer Maxime (Einige Thesen zur Dialektik des Fremden und Eigenen in der Einheit einer Kultur, 2002).

In seinen Marburger Jahren löste sich Oswald Schwemmer schrittweise von den strengen Vorgaben des methodischen Konstruktivismus der ‚Erlanger Schule‘ und seines Lehrers Paul Lorenzen. In Zusammenarbeit mit Peter Janich wurde Schwemmer zum zentralen Vertreter des ‚methodischen Kulturalismus‘, einer Weiterentwicklung des Konstruktivismus, die wissenschaftliche Gegenstände und Verfahren durch eine Hochstilisierung lebensweltlicher Praktiken konstituiert sieht. Während Janich dabei primär eine Rückführung wissenschaftlicher Praktiken auf das Alltagshandeln und auf den Umgang mit techni­schen Werkzeugen im Blick hatte, betonte Schwemmer, dass unser Alltagshandeln symbolisch-semio­tisch verfasst ist und auf Bedeutungserzeugung und Sinninterpretation zielt, weniger auf instrumentell-technische Effizienz. Schwemmers integrative Kultur- und Wissenschaftsphilosophie kommt insofern eher einer Überwindung als einer Weiterführung der Lorenzen-Schule gleich.

Auch nach seiner Berufung an die Humboldt-Universität blieb Schwemmer jemand, der die Philosophie im Gespräch mit den aktuellen philosophischen und außerphilosophischen Entwicklungen betrieb. Er suchte den Austausch mit den Wissenschaften vom Menschen und hatte keinerlei Vorbehalte, sich von diesen inspirieren zu lassen. In der Neurobiologie galt sein Interesse den Forschungen Wolf Singers oder Donald O. Hebbs. Er rezipierte Luhmanns Systemtheorie, durch die er zur Prozessmetaphysik Alfred North Whiteheads kam, knüpfte an die Arbeiten Gregory Batseons an, kooperierte mit anderen Philosophen zur Analyse und Bewältigung medizinethischer Herausforderungen und trug zu medientheoretischen Diskussionen bei.

Insbesondere wandte sich Schwemmer in seinen Berliner Jahren der Wiederentdeckung und detaillierten Rekonstruktion der Philosophie Ernst Cassirers zu. Noch zu Schwemmers Marburger Zeit galt Cassirer als ein auf den Neukantianismus zurückgestutzter eher randständiger Philosoph. Zur internatio­nalen Cassirer-Renaissance trug Schwemmer maßgeblich bei: Gemeinsam mit John-Michael Krois, Klaus Christian Köhnke und Christian Möckel edierte er seit 1994 Cassirers nachgelassene Schriften, die seit Anfang der sechziger Jahre an der Universität Yale lagern. Die monumentale Edition wurde 2022 mit dem 19. Band abgeschlossen.

Entgegen der gängigen Einordnung als Neukantianer sah Schwemmer in Cassirer einen Philosophen der europäischen Moderne – so der Titel seines 1997 erschienenen Buches –, dessen Konzeption zu einer neuen Auffassung vom Menschen führt: Alle spezifisch menschlichen Leistungen – von der lebensweltlichen Wahrnehmung über das Fühlen und Denken bis hin zum wissenschaftlichen Handeln – lassen sich nur mit Bezug zu den symbolischen Artikulationsmedien verstehen, in denen sie sich ausbilden. Denken und Argumentieren finden nicht im mentalen Innenraum eines Bewusstseins statt, sondern vollziehen sich im Medium von Sprache und Schrift. Da diese Medien immer historisch und kulturell entstandene Formen sind und sich zudem beständig verändern, ist auch die menschliche Existenz eine durch und durch kulturelle, unabgeschlossene Existenz. In dieser Perspektive wird die Philosophie vom Menschen zur Kulturphilosophie: Der menschliche „Geist“ lässt sich nur erforschen, wenn man die ver­schiedenen Kulturen des Menschen untersucht, und dies wiederum verlangt eine Analyse der unter­schiedlichen symbolischen Medien – Bilder, Lautsprachen, Schriftsprachen –, in denen sich geistige Leistungen artikulieren.

Schwemmer hatte eine ausgesprochene Abneigung gegen alle Versuche von Letztbegründungen und Dogmatismen. Er war ein methodisch liberaler Denker, der allen geschlossenen Systemen und Theorieentwürfen misstraute. Auch rein philosophiehistorische Forschung kam für ihn nicht in Frage. In seinen Lehrveranstaltungen herrschte eine gepflegte Atmosphäre eines lebendigen und disziplinübergreifen­den Denkens. Seine Neugier auf die komplexe Wirklichkeit war größer, als dass ein philosophisches System sie hätte erfüllen können. Deswegen blieb er in seiner gesamten philosophischen Laufbahn ein unruhiger und manchmal auch unbequemer Geist.

 

Sybille Krämer, Rolf Lachmann, Norbert Meuter