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Humboldt-Universität zu Berlin - Praktische Philosophie und Sozialphilosophie

Lehre

Lehrstuhlinhaberin
Prof. Dr. Rahel Jaeggi        → Persönliche Webseite

 

 

Wintersemester 2016/2017:
VL Einführung in die Sozialphilosophie (VEV)

Mittwoch 10-12 Uhr

Diese Vorlesung soll historisch und systematisch in die wichtigsten Texte, Begriffe und Problemstellungen der Sozialphilosophie einführen. Neben der Diskussion zentraler Probleme der Sozialphilosophie (u.a. Macht, Freiheit, Solidarität, Entfremdung, Anerkennung, Ideologie) soll dabeidie Etablierung und Konturierung der Sozialphilosophie als einer distinkten Disziplin im Zentrum der Vorlesung stehen. Sozialphilosophie lässt sich als Frage nach "sozialen Pathologien" von der politischen Philosophie ebenso wie von der Moralphilosophie unterscheiden. Weiter gefasst reicht sie aus der praktischen Philosophie im engeren Sinne heraus, sofern die Sozialphilosophie auch die Ontologie des Sozialen und die sozialtheoretische Frage danach, was "Gesellschaft" eigentlich ist und was sie zusammenhält, betrifft.

 

PS "Das Recht, Rechte zu haben" - Flucht, Migration,Exodus (mit Sabine Hark)

Freitag 12-14 Uhr

„Daß es so etwas gibt wie ein Recht, Rechte zu haben – und dies ist gleichbedeutend damit, in einem Beziehungssystem zu leben, in dem man aufgrund von Handlungen und Meinungen beurteilt wird –, wissen wir erst, seitdem Millionen von Menschen aufgetaucht sind, die dieses Recht verloren haben und zufolge der neuen globalen Organisation der Welt nicht imstande sind, es wiederzugewinnen.“ (Hannah Arendt)

 

„Borders have guards and the guards have guns“, so leitet Joseph Carens seine einflussreiche Stellungnahme für (relativ) offene Grenzen ein. Die Preisfrage der Gesellschaft für Analytische Philosophie: „Welche und wie viele Flüchtlinge müssen wir aufnehmen?“ dagegen scheint mit der Frage die mögliche Antwort schon vorzu­formen: Sie setzt die Existenz des Nationalstaats als einer politischen Einheit, mit dem Recht, über Ein- und Ausschluss – und genereller die Bedingungen der Mitgliedschaft – zu entscheiden, voraus.

Nun kann diese Position angesichts der verheerenden Zustände, in denen auch ohne die Hilfe von Gewehren Tausende von Menschen zu Tode gekommen sind, mit Fug und Recht in Frage gestellt und eine unbedingte Hilfspflicht den Geflüchteten gegenüber proklamiert werden. Die damit indes verbundenen Engführungen einer rein auf normative Fragen fokussierten Diskussion lassen sich dagegen nur überwinden, wenn mit sozialtheoretischen und kulturwissenschaftlichen Ansätzen – von den intersektionalen Gender Studies über postkoloniale Perspektiven bis zu den Critical Border Studies und der soziologischen Migrationsforschung – Positionen mit einbezogen werden, die sowohl die Handlungsfähigkeit der Geflohenen wie die Veränderung des globalen sozioökonomischen Geflechts berücksichtigen. Die Fragen von Inklusion und Exklusion, das Verhältnis von Nationalstaat, politischer Gemeinschaft, Zugehörigkeit und Solidarität müssen in diesem Koordinatennetz neu diskutiert werden.

Dieses Seminar ist ein Versuch, zu einem auch uns politisch bewegenden Thema „Grund unter die Füße“ zu bekommen und die verschiedenen politischen, theoretischen und aktivistischen Interventionen zu vermessen. Am Ende des Seminars soll ein von den Seminarteilnehmer*innen organisierter Workshop stehen, in dem sie die von ihnen erarbeiteten Positionen mit eingeladenen Forscher*innen und Akteur*innen  diskutieren.

 

Termin: Freitag 12-14

Das Seminar findet in der ersten Hälfte an der HU, in der zweiten Hälfte an der TU Berlin statt.

Seminartermine:

HU: 28.10./4.11./11.11./25.11./02.12.

TU: 09.12./16.12./13.1./27.01.

Workshop: 3. Februar 2017 (ganztägig)

 

 

HS Re-Thinking Ideology (mit Hilkje Hänel)

Donnerstag 10-12

Wie kommt es, dass Menschen soziale Verhältnisse, von denen man sagen kann, dass sie ihren eigenen Interessen widersprechen, nicht nur nicht aktiv in Frage stellen, sondern zudem aufrechterhalten, unterstützen und stabilisieren,? Wie kommt es, dass wir in unserem alltäglichen Verhalten, unseren Handlungen und (impliziten) Überzeugungen manchmal faktisch Herrschaftsstrukturen befördern, auch wenn wir dies weder intendieren noch realisieren? So oder so ähnlich stellt sich das Problem auf das der Begriff der Ideologie (und entsprechend: die Ideologiekritik) eine Antwort anbietet.

In erster Annährung lassen sich Ideologien als mehr oder weniger kohärente und in sich geschlossene Systeme von Praktiken und Überzeugungen verstehen, die konstitutiv für den Welt- und Selbstbezug von Individuen sind und denen handlungsleitende Kraft und soziale Wirksamkeit zukommt. Die Annahme der Ideologiekritik (und entsprechend eines pejorativen Ideologieverständnisses) ist, dass es sich dabei um eine kritikwürdige Verkennung der sozialen Realität bei gleichzeitiger praktischer Verankerung in dieser handelt und dass diese funktional (notwendig) für die Aufrechterhaltung von Herrschaftsverhältnissen und der Verschleierung von sozialen Konflikten ist.

Was aber genau ist eine Ideologie und in welchem Sinne ist diese defizitär oder falsch? Wenn Ideologie eine systematische „Verkennung“ ist, wodurch ist diese verursacht, wie lassen sich die Wirkmechanismen beschreiben und welcher Art wäre unser Zugang zur nicht-verstellten Realität. Sind Ideologien (nur) falsch aufgrund ihrer Funktion für die Aufrechterhaltung kritikwürdiger Verhältnisse, oder sind sie in sich defizitär? Und wenn Ideologie, wie in der aktuellen Diskussion zunehmend behauptet wird, nicht nur ein System von (falschen) Überzeugungen ist, wie genau lässt sich die Auffassung, dass Ideologien „praktisch“ sind oder Praxischarakter haben, verstehen? Diese und ähnliche Fragen werden im Seminar gestellt und diskutiert.

Der Begriff der Ideologie—und die Ideologiekritik—ist traditionellerweise im Marxismus und der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule verankert, in den letzten Jahren wurde er allerdings auch im Bereich der Critical Race Theory und der gender studies vor verändertem philosophischen Hintergrund verstärkt aufgenommen. Ziel des Seminars ist es, einen Überblick über die „alte“ und „neue“ Ideologiediskussion zu bekommen und mit den so erarbeiteten philosophischen Mitteln die oben gestellten Fragen zu analysieren. Die Lektüre wird unter anderem aus Texten von Marx, Althusser, Adorno, Habermas, Geuss, Tommie Shelby, Sally Haslanger, Miranda Fricker, Jason Stanley, Catharine MacKinnon und Elizabeth Anderson bestehen und setzt die Bereitschaft zur „philosophischen Zweisprachigkeit“ voraus, also die Fähigkeit zur Auseinandersetzung mit Texten sehr unterschiedlichen methodischen Zuschnitts und unterschiedlichen philosophischen Argumentationspraktiken.

 

Lektüre zur Vorbereitung:

Raymond Geuss, Die Idee einer kritischen Theorie, Kapitel 1 und 2.

 
 
Sommersemester 2015:
VL Einführung in die Kritische Theorie (VEV)

Mittwoch 12-14 Uhr

Diese Vorlesung soll historisch und systematisch in die wichtigsten Texte, Begriffe und Problemstellungen der von T.W. Adorno und Max Horkheimer begründeten Kritischen Theorie der "Frankfurter Schule" einführen. Neben der Erkundung des Traditionszusammenhangs der Kritischen Theorie und ihres Umfelds wird dabei die Frage im Zentrum stehen, was eigentlich die "Kritische Theorie" gegenüber anderen theoretischen Unternehmungen ausmacht, welche systematischen Kernelemente und Thesen heute noch für eine Kritische Theorie der Gesellschaft zentral sein könnten und wie sich diese zu sozialkritischen Theorien anderer theoretischer Herkunft verhalten.

 

Literatur: Raymond Geuss: Die Idee der kritischen Theorie, Hain, Bodenheim 1988; Rolf Wiggershaus: Die Frankfurter Schule. Geschichte, Theoretische Entwicklung, Politische Bedeutung, DTV, München 1988; Honneth, Axel / Institut für Sozialforschung (Hrsg.): Schlüsseltexte der Kritischen Theorie, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006. 

 

PS: Krisen und Soziale Pathologien / Social Pathologies and Social Crises

Donnerstag, 10-12 Uhr

Als "Soziale Pathologien" werden in der gegenwärtigen Sozialphilsophie soziale Fehlentwicklungen und Störungen bezeichnet, die verhindern, dass die Menschen ein gutes Leben nach ihren eigenen Vorstellungen führen können. Thematisierbar werden mit diesem Konzept die überindividuellen, sozialen Bedinungen individueller Selbstverwirklichung und deren Störungen, die sich in sozial induziertem Leid niederschlagen. Zur Debatte stehen dabei aber nicht nur die Kriterien für solche gesellschaftlichen Störungen, sondern immer mehr auch das Verhältnis zwischen den subjektiven Indikatoren solcher Fehlentwicklungen und dem Aufweis objektiver Krisentendenzen sozialer Institutionen und Praktiken.

Die Produktivität des Konzeps muss sich so einerseits anhand seiner Fähigkeit, philosophisch reflektierte Zeitdiagnosen zu ermöglichen, erweisen; aus philosophischer Sicht wirft der Versuch, eine spezifisch phatologiediagnostische Perspektive auf das Soziale herauszuarbeiten, gleichzeitig zahlreiche grundlagentheoretische Probleme auf. Welche Vorstellung von Gesellschaft steht beispielsweise hinter der Vorstellung, dass die Gesellschaft nicht nur in einem aggregativem Sinn die in ihr lebenden Individuen krank mache, sondern in ihrer institutionellen Verfasstheit selbst als pathologisch begriffen werden kann? Wie genau verhalten sich objektive Krisentendenzen und subjektive soziale Leiderfahrung zueinander? Und benötigt eine sozialphilsophische Pathologiediagnose als normativen Maßstab eine Ethik des guten Lebens oder lässt sie sich sozialtheoretisch ausweisen?

Im Seminar werden wir mit Rousseau, Hegel und Marx zunächst einige historisch stichwortgebende Positionen der Pathologiediagnose untersuchen; anschließend werden wir u.a. mit Arendt, Dewey, und Georg Simmel einige der systematischen Problembezüge (Versachlichung, der Verfall der Öffentlichkeit und das Auftreten gesellschaftlicher Erfahrungsblockaden) weiterverfolgen. Schließlich werden wir uns spezifischen Pathologiediagnosen und sozialen Krisen wie beispielsweise den Patholgoen der Arbeit oder der Vermartklichung als Pathologie zuwenden, sowie die virulenten Zeitdiagnosen der Beschleunigung und Depression pathologiediagnostisch in den Blick nehmen. Abschließend und auswertend werden wir anhand der Diskussionsbeiträge von Honneth, Neuhouser und weiteren die angesprochenden konzeputellen Fragen nach der sozialontologischen Grundlage einer Pathologiediagnose diskutieren und sie isn Verhältnis zum Konzept sozialer Krisen setzen. 

 

Literatur: Axel Honneth, Pathologien des Sozialen. Tradition und Aktualität der Sozialphilosophie, in: Pathologien des Sozialen, Frankfurt a.M. 1996.

 

HS Sozialer Wandel und moralischer Fortschritt / Social Transformation and Moral Progress

Freitag 12-14 Uhr

In diesem Seminar soll es um die Fragen gehen, die manchmal, aber nicht immer, zusammen gedacht werden: Zum einen um die Frage, was moralischer Fortschritt ist und  wie er sich vollzieht. Zum anderen um die Frage, wie sich die Dynamik sozialen Wandels verstehen lässt. Und schließlich soll es um das Verhältnis von beiden gehen und damit um die Frage, ob und wie die Dynamik sozialen Wandels so gedacht werden kann, dass sie moralischen Fortschritt hervorbringt und umgekehrt, ob und wie dieser sich als Faktor sozialen Wandels verstehen lässt.

Man kann die Philosophie Hegels als Affirmation dieser These verstehen: Sind bestimmte soziale Praktiken und Institutionen nötig um moralische Forderungen "sittlich" zu insituieren, ihnen "Realität" zu verleihen, so ist umgekehrt der historische Prozess der Herausbildung dieser Praktiken und Institutionen ein Prozess, der sich als moralischer Fortschritt (oder eben: als fortschreitende Verwirklichung von Freiheit) beschreiben lässt. Hinsichtlich der Moral verbindet eine solche Historisierung von Normativität die Vorstellung objektiver Geltung mit der Einsicht in die spezifische Situiertheit und Eingelassenheit jeder Moral in sittlich-normative Kontexte. Aber auch die damit gesetzte Idee sozialen Wandels ist komplex, unterstellt sie dem sozialen Geschehen doch eine Enrwicklungsrichtung mit einer ihr eigenen Rationalität. Der "Historische Materialismus" lässt sich als Fortentwicklung und Neufundierung dieser These verstehen.

Nun sind viele der hier mitschwingenden Thesen aus guten Gründen umstritten; nicht nur die "ökonomistische" Fundierung gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse, auch die Idee des "Fortschritts" ist problematisch geworden. Nimmt man andererseits zur Kenntnis, dass sich aus ganz anderen philosophischen Richtungen das Problem "moralischer Innovation" und ihrer Voraussetzungen diskutiert wird - sei es mit Bezug auf die Überwindung der Sklaverei oder mit Bezug auf gesellschaftliche Ehrbegriffe - und dass sich andererseits unter neopragmatischem Vorzeichen mindestens Ansätze einer Re-Aktualisierung der Geschichtsphilosophie ziegen, so könnte es sich lohnen, die verschiedenen Debatten, die sich hier durchdringen, noch einmal aufzunehmen und aufeinander zu beziehen. 

 

Literatur: Joshua Cohen, The Arc of the Moral Universe; Antony Appiah, The Honour Code; Elisabeth Anderson, Social Movements, Experiments in Living and "Moral Progress: Case Studies from Britain's Abolition of Slavery; G.W.F. Hegel, Philosophie der Geschichte; G.A. Cohen, Karl Marx' Theory of History: A Defence; Jürgen Habermas, Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus; Debra Satz, Marxism, Materialism and Historical Progress

 

Wintersemester 2014/2015:
VL Einführung in die Sozialphilosophie (VEV)

Mittwoch 10-12 Uhr

Diese Vorlesung soll historisch und systematisch in die wichtigsten Texte, Begriffe und Problemstellungen der Sozialphilosophie einführen. Neben der Diskussion zentraler Probleme der Sozialphilosophie (u.a. Macht, Freiheit, Gemeinschaft, Entfremdung, Subjektivität, Anerkennung, Arbeit) soll dabei die Etablierung und Konturierung der Sozialphilosophie als einer distinkten Disziplin im Zentrum der Vorlesung stehen. Sozialphilosophie lässt sich als Frage nach „sozialen Pathologien“ von der politischen Philosophie ebenso wie von der Moralphilosophie unterscheiden. Weiter gefasst reicht sie aus der praktischen Philosophie im engeren Sinne heraus, sofern die Sozialphilosophie auch die Ontologie des Sozialen und die sozialtheoretische Frage danach, was „Gesellschaft“ eigentlich ist und was sie zusammenhält, betrifft.

Literatur: Axel Honneth, Pathologien des Sozialen, Frankfurt 1997; Rahel Jaeggi/Robin Celikates, Einführung in die Sozialphilosophie, München 2014.

 
HS Was ist Kritik? (mit Georg Bertram)

Freitag 12-14 Uhr

Was ist und wie betreibt man Kritik? Woraus bezieht Kritik ihre normativen Maßstäbe? Auf welcher Art von Gründen beruht sie und wie wirken diese? Die gängigen Unterscheidungen zwischen "interner" und "externer Kritik", "rekonstruktiver" und "konstruktiver" Kritik, aber auch die zwischen "schwachen" (partikularistischen) und "starken" (universalistischen) Kritikmodellen sind hier instruktiv. Möglicherweise sind sie aber auch zu begrenzt. Im Zentrum des Seminars wird die Auseinandersetzung mit verschiedenen Modellen von (Sozial-)Kritik stehen. Dabei sollen insbesondere komplexe Kritikmodelle wie die immanente Kritik Hegel'schen Zuschnitts, die Ideologiekritik aber auch Modelle "genealogischer Kritik" untersucht werden. Ein weiterer Schwerpunkt des Seminars wird die Frage nach dem Zusammenhang von Kritik, Normativität und Rationalität sein. Ist Kritik immer normativ zu denken – und  ist Rationalität die Basis aller Kritik oder gibt es ein kritisches Potential, das sich gegen Rationalität selbst zu wenden vermag? Diese Frage ist in der Geschichte des abendländischen Denkens bei der Bestimmung von Kritik immer zentral gewesen, sei es in der Begründung der Philosophie aus einer Kritik sophistischen Denkens heraus, sei es in der Selbstvergewisserung des Geistigen bei Descartes, in der Kritik der Metaphysik bei Kant oder in der Arbeit des Negativen im Denkens Hegels. Ziel des Seminars ist es, über die Begründung von Kritik vor diesem Horizont nachzudenken. Die Frage, wie eigentlich "Kritische Theorie" (als derjenigen Version normativer Gesellschaftstheorie, die Kritik bereits im Titel trägt) verfährt, wird dabei im Fluchtpunkt der Diskussion stehen. 

 
PS Sozialphilosophie der Stadt (mit Carolin Emcke)

Donnerstag, 10-12 Uhr: 16.10., 30.10., 13.11., 11.12., 8.1., 29.1., 12.2. & 25. - 27. Februar 2015 jeweils 10-12 Uhr und 14-17 Uhr

In einem seiner letzten Filme sagt Alexander Kluge über sich, er sei eine „Stadtpomeranze“, also jemand, der sich ein Leben ausserhalb von großen Städten nicht vorstellen könne, sich in der Kleinstadt oder auf dem Land verloren vorkomme. Man mag diese Konstitution teilen oder nicht; fest steht, dass die Stadt oder das Städtische eine Formation darstellt, in der ganz spezifische Merkmale des Sozialen zum Tragen kommen. Auf dem Schauplatz der Stadt werden verschiedene politische, soziale, ökonomische Auseinandersetzungen virulent: Steht das Städtische einerseits für Öffentlichkeit und Dichte, Innovation und Differenz, für das „Zusammenleben der Verschiedenen“, das bereits für Aristoteles die Polis vom unpolitischen Raum des Oikos-Zusammenhangs unterschieden hat, so tritt sie in dem immer wiederkehrenden modernekritischen Großstadt-Diskurs als Ort der Entindividualisierung, der Anonymität, der Beschleunigung und der Vergleichgültigung auf.

Anhand der sozialen Formation der Stadt lässt sich also, aus sozialphilosophischer Sicht, die Auseinandersetzung um zentrale Merkmale der Moderne sowie die soziale und materielle Grundlage dessen, was in der demokratietheoretischen Diskussion als „Öffentlichkeit“ fungiert, nachverfolgen. Wenn man es allerdings mit dem „Recht auf Stadt“ ernst meint, und „Urbanität“ nicht auf ein Marketingmerkmal und Statussymbol der neuen Mittelschichten reduzieren will, so gilt es andererseits, die Stadt nicht nur als kulturelles, sondern auch als  ökonomisches Phänomen zu untersuchen. Stadt ist ebenso der Ort der Integration wie der Segregation und eben deshalb der Ort, an dem um Exklusion und Inklusion gerungen wird. Und die Herausbildung von Städten lässt sich historisch mit ebensolchem Recht als Schauplatz wie als Triebkraft kapitalistischer Modernisierung verstehen. „Stadt“ ist also kein alleinstehendes Phänomen, sondern mit der Dynamik sozialen Wandels und der Dynamik kapitalistischer Globalisierung verschränkt.

In diesem Seminar wollen wir also die Stadt und das Städtische als Ort kultureller, ökonomischer und politischer Praktiken, als soziale Lebensform, betrachten. Dabei werden wir uns (mit Autoren wie Max Weber, Georg Simmel, G. Wirth,  aber auch mithilfe der Reflexionen Walter Benjamins) zunächst die sozialtheoretischen und sozialphilosophischen Grundlagen zum Verständnis dessen, was eine Stadt in ökonomischer, politischer und kultureller Hinsicht ausmacht, aneignen. Anschließend sollen u.a. mit Jean-Paul Sartre, und Richard Senett die „Stadt als normatives Ideal“ (wie Iris Marion Young es bestimmt) untersucht und das „Recht auf Stadt“ (Henri Lefebvre) thematisiert werden. Und schließlich sollen verschiedene systematische Fragen und Motive genauer betrachtet werden: das Verhältnis von Stadt und Öffentlichkeit; die Stadt als Marker von Exklusion und Inklusion; die Stadt und das (bzw. die) Fremde(n); die Stadt als Ort  sozialer Konflikte und Gewalt, die Stadt zwischen Gleichheit und Ungleichheit; die Stadt als organisierter oder desorganisierter Raum (und der materiale Aspekt des Städtischen). Vermittelt über das Thema des Städtischen sollen so einige wichtige Diskussionen und Unterscheidungen der Sozialphilosophie exemplifiziert und diskutiert werden. Dabei werden wir neben philosophischen und soziologischen Werken Texte der neueren Urbanistik (David Harvey u.a.), aber auch Filme und Romane einbeziehen.

 

Bitte beachten Sie: Das Seminar wird in Zusammenarbeit mit der Journalistin und freien Autorin Dr. Carolin Emcke (u.a. die ZEIT; Bücher u.a.: Von den Kriegen; Über das Begehren) durchgeführt.

 

 

Philosophisches Kolloquium/Philosophical Colloquium (c)

Donnerstag 18.30-21.30 Uhr, DOR 24, 1.406

Das Forschungscolloquium zur Sozialphilosophie soll der Lektüre von wichtigen Neuerscheinungen im Bereich der Sozialphilosophie und der politischen Philosophie, der Diskussion von Vorträgen sowie der Vorstellung eigener wissenschaftlicher Arbeiten dienen. Die Teilnahme ist nur nach Rücksprache vor Semesterbeginn und auf persönliche Einladung hin möglich. (rahel.jaeggi@staff.hu-berlin.de)

Anmeldung zur Sprechstunde im Sekretariat. 

 
Sommersemester 2014:
 
PS Philosophie des Marktes / Philosophy of the Market (mit Bastian Ronge)

Donnerstag 10-12 Uhr

Märkte sind einflussreiche Institutionen moderner Gesellschaften. Von Märkten wird angenommen, dass sie den Tausch von Gütern und Dienstleistungen effizient vermitteln indem sie Angebot und Nachfrage zusammenführen. Dass sie dies wie von "unsichtbarer Hand" geleitet tun und dabei Einzelinteressen und Gemeinwohl vermitteln, ist das wirkmächtige Theorem Adam Smith's, das bis heute zur Erklärung und Legitimation von Marktbeziehungen dient. Gleichzeitig werden Märkte aus ganz verschiedenen Richtungen in Frage gestellt: Sollen wirklich alle Güter - also auch Organe, Staatsbügerschaften oder auch die "Ware Arbeitskraft" auf Märkten gehandelt werden? Müssen wir die Logik des Marktes in Bezug auf wichtige öffentliche Güter wie Bildung, Gesundheit oder Wohnraum nicht mindestens begrenzen um die Integrität unserer sozialen Institutionen zu gewährleisten und das soziale Zusammenleben gerecht und/oder rational und/oder gut gestalten zu können?

Wer solche Fragen stellt, geht immer schon von einem bestimmten Verständnis des Marktes und seiner Funktionsweise aus. In diesem Seminar wollen wir uns der Problematik zunächst von der Frage her nähern, wie sich der Märkte überhaupt verstehen lassen. Dazu werden wir uns unterschiedliche philosophische, ökonomische und soziologische Theorien des Marktes, von Adam Smith über Hegel und Marx bis hin zu Polanyi, Luhmann und Hayek, erarbeiten bevor wir klassische Kritiker des Marktes und zeitgenössische Diskussionen über die Grenzen des Marktes (Elisabeth Anderson, Margaret Jane Radin, Debra Satz, Michael Sandel) in den Blick nehmen. 

HS Sozialontologie, Freiheit und Demokratie bei Philipp Pettit / Social Ontology, Freedom and Democracy in the work of Philipp Pettit (zusammen mit Stefan Gosepath)

Montag 14-16 Uhr

Der amerikanische Philosoph Philip Pettit hat mit seiner Begründung einer wichtigen Strömung des Neorepublikanismus und seinen Arbeiten zum modernen Freiheitsverständnis sowie mit seinen Beiträgen zur Sozialontologie viele zeitgenössische Diskussionen beeinflusst. Im zweiten Teil dieses als Fortführung der im Wintersemester begonnenen Arbeit konzipierten Seminars werden wir die in Essays und Diskussionspapieren vorliegenden Ergebnisse unserer Beschäftigung mit Pettits Schriften diskutieren und diese unter Hinzuziehung weiterer Texte für den workshop/Graduiertenkurs bearbeiten, der im Juni 2014 mit Philip Pettit stattfinden wird. Eine „Quereinstieg“ ins zweite Semester des Kurses ist nur unter sehr bestimmten Voraussetzungen möglich und ggf. mit den Seminarleitern abzusprechen.

 

HS Probleme der Kritischen Theorie
 
Philosophisches Kolloquium/Philosophical Colloquium (c)

Donnerstag 18.30-21.30 Uhr, DOR 24, 1.406

Das Forschungscolloquium zur Sozialphilosophie soll der Lektüre von wichtigen Neuerscheinungen im Bereich der Sozialphilosophie und der politischen Philosophie, der Diskussion von Vorträgen sowie der Vorstellung eigener wissenschaftlicher Arbeiten dienen. Die Teilnahme ist nur nach Rücksprache vor Semesterbeginn und auf persönliche Einladung hin möglich. (rahel.jaeggi@staff.hu-berlin.de)

Anmeldung zur Sprechstunde im Sekretariat. 

 

Wissenschaftliche Mitarbeiter/innen

Dipl. pol. Lukas Kübler
Eva von Redecker, M. A.
Dr. Bastian Ronge

Lektüre zur Vorbereitung:

Raymond Geuss, Die Idee einer kritischen Theorie, Kapitel 1 und 2.